Evidence Based Medicine

Risikofaktoren für Präeklampsie, Abruptio placentae und ungünstigen neonatalen Verlauf bei Frauen mit chronischer Hypertonie

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Risk factors for preeclampsia, abruptio placentae, and adverse neonatal outcomes among women with chronic hypertension
Medizinische Universitäts-Poliklinik, Kantonsspital Basel, Medizinische Poliklinik, Departement Innere Medizin, Universitätsspital Zürich
Sibai B.M., Lindheimer M., Hauth J., Caritis S., VanDorsten P., Klebanoff M., MacPherson C., Landon M., Miodovnik M., Paul R., Meis P., Dombrowski M. N Engl J Med 1998; 339: 667-71.

Fragestellung

Welches sind die Risikofaktoren für eine Präeklampsie, eine vorzeitige Plazentalösung und einen ungünstigen neonatalen Verlauf bei Frauen mit bekannter chronischer Hypertonie?

Art der Studie

Prospektive Multizenterstudie

Ort

13 Zentrumsspitäler der USA unter Koordination des National Institute of Child Health and Human Development Networt of Maternal-Fetal Medicine Units.

Patientinnen

Das untersuchte Kollektiv von 763 schwangeren Frauen mit chronischer Hypertonie stellte eine Untergruppe einer früheren randomisierten Studie dar, in der zur Prävention einer Präeklampsie entweder mit nieder dosiertem Aspirin (381 Frauen) oder mit Placebo behandelt wurde [1]. Die Patientinnen wurden nach der Randomisation (13.-26. Schwangerschaftswoche, SSW) bis zum Ende der Schwangerschaft beobachtet. Bei der Erstkonsultation wurden je zwei weitere Subgruppen definiert: Frauen mit und Frauen ohne Proteinurie.

Hauptmessparameter

Entwicklung einer Präeklampsie oder einer vorzeitigen Plazentalösung sowie eines gestörten neonatalen Verlaufes. Angewendete Definitionen:

1) Chronische Hypertonie:

2) Proteinurie: 300 mg im 24-Std.-Urin.

3)Präeklampsie:
Gestörter neonataler Verlauf: (Frühgeburtlichkeit <37 SSW, Mangelgeburten <10. Perzentile, Hospitalisationen auf der neonatalen Intensivstation, neonatale Komplikationen.) Drei Kliniker mussten unabhängig voneinander die Kriterien als erfüllt erachtet haben.

Hauptresultate

Bei Eintritt in die Studie hatten 81 Patientinnen (10,6%) eine Proteinurie, und 41% wurden antihypertensiv behandelt. Bei 13% der Frauen wurde die Behandlung während der Schwangerschaft eingeleitet. Gesamthaft trat in 25% eine Präeklampsie auf, wobei kein signifikanter Unterschied bestand zwischen der Aspirin-Gruppe und der Placebo-Gruppe (26% versus 25%). Die Inzidenz der Präeklampsie war zudem unabhängig von mütterlichem Alter, der Rasse oder einer Proteinurie bei der Erstuntersuchung. Hingegen war sie signifikant erhöht bei Frauen mit einer Präeklampsie in der Anamnese oder einer Hypertonie während mindestens vier Jahren sowie bei Frauen, deren diastolischer Blutdruck zwischen 100 und 110mmHg in der Frühschwangerschaft betrug. Elf Frauen (1,5%) wiesen eine vorzeitige Plazentalösung auf, wobei wiederum kein Unterschied bestand zwischen den Behandlungsgruppen. Ferner konnte kein Zusammenhang festgestellt werden zu einer Proteinurie bei der Erstuntersuchung, einem Alter von mehr oder weniger als 35 Jahren, einer Anamnese mit Präeklampsie oder Hypertonie (>4 Jahre), einem diastolischen Blutdruck von mehr als 100mmHg oder zu weisser oder schwarzer Hautfarbe. Hingegen war die Rate der vorzeitigen Plazentalösung signifikant höher bei Frauen mit aufgepfropfter Eklampsie (3% versus 1%, P= 0,04). Bezüglich des neonatalen Zustandes zeigte sich, dass Frauen mit Präeklampsie sowohl häufiger Frühgeburten aufwiesen wie auch häufigere Hospitalisationen ihrer Kinder auf der neonatalen Intensivstation. Die Inzidenz von intraventrikulären Blutungen und neonatalen Todesfällen war ebenfalls signifikant häufiger. Frauen mit Proteinurie bei der Erstuntersuchung hatten eine signifikant höhere Inzidenz von Frühgeburten und Mangelgeburten (small-for-gestational-age). Zudem zeigte dieses Kollektiv mehr Hospitalisationen auf der neonatalen Intensivstation und eine höhere Inzidenz von intraventrikulären Blutungen. Diese Ergebnisse blieben auch nach multivarianter Analyse signifikant.

Konklusion der Autoren

Bei Frauen mit chronischer Hypertonie bedeutet eine Proteinurie in der Frühschwangerschaft ein erhöhtes Risiko für einen schlechteren neonatalen Verlauf, unabhängig von der Entwicklung einer Präeklampsie.

Kommentar

Die vorliegende Studie gibt Auskunft über Risikofaktoren für bedeutende schwangerschaftsbedingte Erkrankungen bzw. Komplikationen bei Frauen mit chronischer Hypertonie: Die Präeklampsie ist nach wie vor eine der Hauptursachen für die mütterliche und perinatale Mortalität, und die Abruptio Plazentae ist die häufigste bekannte Ursache für fetale Todesfälle. Eine chronische Hypertonie zählt in beiden Fällen zu den wichtigsten Risikoparametern. Innerhalb dieser Patientinnengruppe ist jedoch wenig bekannt über klinisch relevante Risiken. Die Autoren definieren aufgrund ihrer statistischen Auswertung den Blutdruck und eine Proteinurie als wichtige Messparameter: Eine Präeklampsie oder Hypertonie in der Anamnese sowie ein diastolischer Blutdruck von mindestens 100 mmHg in der Frühschwangerschaft führen signifikant häufiger zur Entwicklung einer Präeklampsie, während eine Proteinurie in der Frühschwangerschaft mit einem schlechteren neonatalen Outcome assoziiert ist. Als Risiko für die vorzeitige Plazentalösung hat sich in dieser Studie eine Aufpfropfeklampsie identifizieren lassen. Die ursprünglichen Hinweise, dass niedrig dosiertes Aspirin eine präventive Wirkung in bezug auf die Entwicklung einer Präeklampsie hat, konnten weder bei Frauen mit niedrigem Risiko noch mit hohem Risiko für diese Schwangerschaftserkrankung bestätigt werden [1]. Um so wichtiger für das klinische Management sind Hinweise auf Risikofaktoren, die durch engmaschigere Kontrollen entsprechende Veränderungen frühzeitig erkennen lassen. Zuverlässige diagnostische Marker, die idealerweise auch zum Screening eingesetzt werden könnten, fehlen zurzeit aber leider noch.

Bibliographie

  1. Caritis S., Sibai B., Hauth J. et al.: Low-dose aspirin to prevent preeclampsia in woman at high risk. N Engl J Med 1998; 338: 701-5.

Korrespondenzadresse: PD Dr. R.A. Steiner, Chefarzt, Kantonales Frauenspital Fontana, 7000 Chur


wwwadmin@hanshuber.com, 20. April 1999