Evidence Based Medicine

Häufigkeit von phlebographisch gesicherten tiefen Beinvenenthrombosen nach Kniegelenksarthroskopie

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Incidence of venographically proved deep vein thrombosis after knee arthroscopy.

Dermers Ch., Marcoux S., Ginsberg J.S. et al.: Archives of Internal Medicine 1998; 158: 47-50.

Fragestellung

Häufigkeit der tiefen Venenthrombose nach Kniegelenksarthroskopie.

Art der Studie

Kohortenstudie.

Ort

Die Studie wurde an zwei universitären Zentren in Kanada (Universität Laval, Quebec, und McMaster-Universität, Ontario) durchgeführt.

Patienten

Konsekutive Patienten, die zwischen Oktober 1994 und Dezember 1995 an den beiden Zentren für eine Kniegelenksarthroskopie (diagnostisch oder therapeutisch) vorgesehen waren.

Intervention

Ambulante Kniegelenksarthroskopie 1 bis 2 Wochen nach Studieneinschluss. Aszendierende Phlebographie der betreffenden Extremität 1 Woche nach dem Eingriff oder bei symptomatischem Patienten. Lungenszintigraphie bei klinischem Verdacht auf Lungenembolie.

Hauptmessparameter

Das Auftreten von tiefen Venenthrombosen, Lungenembolien oder Tod nach der Arthroskopie. Die Thromboselokalisation wurde unterteilt in distal (isolierte Unterschenkelvenenthrombose) oder proximal (popliteal, femoral, iliacal). Eine Lungenembolie wurde bei Vorliegen eines "high probability" Szintigramms diagnostiziert.

Hauptresultate

Von der 342 Patienten, welche während der 15monatigen Studiendauer zur Arthroskopie vorgesehen waren, konnten letztlich 184 Patienten (54%) ausgewertet werden. 60 Patienten konnten aufgrund von Ausschlusskriterien nicht an der Studie teilnehmen. Weitere 68 Patienten erhielten aus verschiedenen Gründen keine Phlebographie. Bei 30 Patienten war die diagnostische Qualität der Phlebographie inadäquat.

33 der 184 Patienten wiesen eine tiefe Venenthrombose auf (17,9% [95%-Konfidenzintervall 12,7-24,3%]). In 9 Fällen handelte es sich dabei um proximale Thrombosen (4,9% [95%-Konfidenzintervall 2,3-9,1%]). Lediglich 20 der 33 Patienten (60,6%) waren symptomatisch. In keinem Fall bestand ein klinischer Verdacht auf Lungenembolie, kein Patient verstarb während der Beobachtungsperiode. In der Patientengruppe mit einer Tourniquetdauer von über 1 Stunde trat eine tiefe Venenthrombose prozentual häufiger auf als bei den Patienten mit kürzerer Dauer der Blutsperre (715 Patienten [46,7%] versus 26169 Patienten [15,4%]; p<0,01).

Konklusion der Autoren

Nach einer Kniegelenksarthroskopie tritt bei einem bedeutsamen Anteil (17,9%) der Patienten eine tiefe Venenthrombose auf. Die Autoren schlagen vor, eine randomisierte Studie durchzuführen mit der Frage, ob die Häufigkeit der tiefen Venenthrombose durch prophylaktische Massnahmen in dieser Patientengruppe gesenkt werden kann.

Kommentar

Die Daten der vorliegenden Studie geben erstmals eine zuverlässige Schätzung der Thromboserate nach Kniegelenksarthroskopie (ca. 18%). Im Gegensatz zu anderen orthopädischen Eingriffen ging man bisher davon aus, dass die Häufigkeit tiefer Venenthrombosen nach Kniegelenksarthroskopie mit 0 bis 7% gering ist und eine generelle medikamentöse Thromboseprophylaxe nicht rechtfertigt. Diese Annahme basiert jedoch auf Studien mit kleinen Patientenzahlen mit teilweise inadäquater Methodik. Die vorliegende Studie evaluiert diese Fragestellung in einer grösseren Kohorte konsekutiver Patienten mit adäquater Methodik, d.h., die Patienten wurden systematisch einer Phlebographie unterzogen. Einschränkend ist zu bemerken, dass ein erheblicher Anteil der in die Studie eingeschlossenen Patienten aus verschiedenen Gründen keine Phlebographie erhielten oder diese nicht diagnostisch war. Dieser Umstand mag tendenziell zu einer Überschätzung der Thromboserate führen.

Im Gegensatz zur Untersuchung nach orthopädischen Eingriffen wie z.B. dem Hüftgelenksersatz fanden sich in der vorliegenden Studie nahezu ausschliesslich isolierte Unterschenkelvenenthrombosen. Deren klinische Bedeutung ist sowohl für die Entwicklung einer klinisch relevanten Lungenembolie und eines postthrombotischen Syndroms umstritten. Ob die Daten der vorliegenden Studie in Zukunft dazu führen werden, dass regelhaft eine Thromboseprophylaxe bei Kniegelenksarthroskopie durchgeführt wird, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten. Eine solche Empfehlung wird nicht nur von einer Senkung der Häufigkeit phlebographisch nachgewiesener Unterschenkelvenenthrombosen abhängen. Entscheidend bleibt letztlich der Nachweis einer Reduktion klinisch relevanter thrombembolischer Ereignisse und deren Spätfolgen.

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Korrespondenzadresse: PD Dr. U. Hoffmann, Abteilung Angiologie, Departement Innere Medizin, Universitätsspital Zürich, 8091 Zürich


wwwadmin@hanshuber.com, 9. Juni 1998