Evidence Based Medicine

Sind Urinuntersuchungen bei Harnwegsinfekten überflüssig?

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Wikens R. A. G., Leffers P., Trienekens T. A. M., Stobberingh E. E. The validity of urine examination for urinary tract infections in the daily practice. Family Practice 1995; 12: 290293.

Ziel der Studie:

Zur Diagnose eines Harnweginfektes scheint die Urinuntersuchung, insbesondere die Teststreifenmethode eine schnelle, einfache und zuverlässige Untersuchung zu sein. In dieser Studie wurde die Validität der mikroskopischen und der Teststreifenmethode unter täglichen Praxisbedingungen evaluiert.

Art der Studie

Case-control-Studie bei Patienten mit klinischem Verdacht auf einen Harnwegsinfekt.

Ort

16 praktizierende Ärzte in 12 holländischen Arztpraxen.

Patienten

1388 Patienten mit dysurischen Beschwerden und klinischem Verdacht auf einen Harnwegsinfekt. Frauen zu Männer 101.

Untersuchungsmethode

Die mikroskopische und die Teststreifenmethode wurden in den Arztpraxen durchgeführt. Ein Aliquot des Urins wurde zur mikrobiologischen Urinuntersuchung geschickt. Das mikrobiologische Resultat wurde als positiv beurteilt, wenn mehr als 105 Bakterienml nachweisbar waren. Das Urinsediment wurde als abnorm gewertet, wenn pro Gesichtsfeld mehr als 5Erythrozyten oder Leukozyten oder mehr als 20Bakterien sichtbar waren. Bei der Teststreifenmethode wurde die Leukozytenesterase, die Nitritreaktion und der Nachweis von Blut registriert.

Resultate

Bei 77 Patienten war der Urin kontaminiert (mehr als ein Bakterium kulturell nachweisbar). Von den verbleibenden 1311 Kulturen zeigten 69% ein positives und 31% ein negatives Resultat. Angaben zu Sensitivität, Spezifität und likelihood ratios sind in Tabelle1 angegeben.

Konklusion der Autoren

Die Aussagekraft der beschriebenen Untersuchungsmethoden hängt vorwiegend von den Bedingungen, unter denen diese durchgeführt werden, ab. Die Resultate dieser Studie, die den Einsatz der Mikroskopie und der Teststreifenmethode unter täglichen Praxisbedingungen widerspiegeln, ergeben signifikant schlechtere Werte als die, die unter wissenschaftlich optimalen Laborbedingungen durchgeführt wurden. Durch keinen der genannten Parameter wurde die Prätestwahrscheinlichkeit (d.h. die klinische Vermutungsdiagnose) wesentlich verändert. Die Autoren bezweifeln die Nützlichkeit der routinemässig durchgeführten Urinuntersuchung in der Harnwegsinfektdiagnostik. Es wäre wahrscheinlich sinnvoller, alle Patienten mit klinischem Verdacht auf einen Harnwegsinfekt zu therapieren und bei Patienten, bei denen eine genauere Diagnostik notwendig ist, eine verlässlichere Testmethode anzuwenden.

Kommentar

Der Unterschied zwischen idealer und realer Welt wird in dieser Arbeit eindrücklich demonstriert; die Welt, wie sie sein könnte und die Welt, wie sie ist. Untersuchungsmethoden, in dieser Studie die Mikroskopie und die Teststreifenmethode zur Diagnose des Harnwegsinfektes, werden meist unter Bedingungen, die nicht denen des klinischen Alltags entsprechen, evaluiert. Das erste, aus dieser Studie ersichtliche Problem besteht in der Gewinnung des Urins. Wie die Autoren nachwiesen, erhielten sie nur von 29% der Patienten mit Sicherheit einen Mittelstrahlurin. Der Urin wurde vor der Untersuchung selten homogenisiert, die Teststreifen konnten nicht unter optimalen Lichtbedingungen abgelesen werden, und jede der verwendeten Zentrifugen zur Sedimentgewinnung drehte sich vor der Adjustierung (im Rahmen der Studie) unterschiedlich schnell. Im Vergleich zu anderen Studien, die unter optimalen Laborbedingungen durchgeführt wurden, fielen die Resultate der besprochenen Arbeit wesentlich "schlechter" und "praxisnaher" aus (1, 2). Die positiven likelihood ratios zwischen 1.2 und 2.6 für die verschiedenen Parameter bedeuten, dass die Resultate der Urinuntersuchung die klinische Vermutungsdiagnose nur unwesentlich verändern (Erklärung siehe Praxis Seite 945). Aufgrund dieser Resultate kann man sich fragen, ob bei Frauen mit klinischem Verdacht auf einen unkomplizierten Harnwegsinfekt (keine Schwangerschaft, Diabetes) nicht mit gutem Gewissen, wie es in praxi wahrscheinlich oft gemacht wird, auf eine Urinuntersuchung verzichtet werden kann.

Tab.1.

Test Sensitivität Spezifität LR+ LR- Mikroskopie Leukozyten 91% 27% 1.2 0.3 Erythrozyten 45% 65% 1.3 0.8 Bakterien 47% 81% 2.5 0.7 Teststreifen Leukozytenesterase 87% 29% 1.2 0.4 Blut 66% 50% 1.3 0.7 Nitrit 66% 75% 2.6 0.5

Bibliographie

  1. Wigton R. S., Hoellerich V. L., Ornato J. P., Leu V., Mazotta L. A., Cheng I. C.: Use of clinical findings in the diagnosis of urinary tract infection in women. Arch Intern Med. 145, 2222-2227, 1985.
  2. Carroll K. C., Hale D. C., von Boerum D. H., Reich G. C., Hamilton L. T., Matsen J. W.: Laboratory evaluation of urinary tract infections in an ambulatory clinic. Am J Clin Pathol. 101, 100-103, 1994.

Korrespondenzadresse: PD Dr. J. Steurer, Medizinische Poliklinik, Departement Innere Medizin DIM, Universitätsspital Zürich, 8091 Zürich


wwwadmin@hanshuber.com, 8. Juli 1997