Es ist unausweichlich, dass für gewisse Bereiche der Medizin die Evidenz für einige diagnostische und therapeutische Massnahmen mangelhaft ist. Es kann deshalb ein sehr frustrierendes Unterfangen sein, sich in einem solchem Bereich Evidenz zu verschaffen. Ebenso gibt es Bereiche der Medizin, in welchen sich aus ethischen oder praktischen Gründen kontrollierte Studien verbieten oder in welchen gängige Praxis hinreichend gezeigt hat, dass die praktizierten Massnahmen wirksam sind. In den vielen "Grauzonen" medizinischer Praxis wird klinisches Handeln weiterhin auf Erfahrung, Analogieschlüssen und Extrapolation beruhen. Der Respekt vor und Einbezug von individuellen Patientenbedürfnissen gerade bei unklarer Evidenz unterstreicht die Bedeutung dessen, was wir als "die Kunst der medizinischen Praxis" bezeichnen. Andererseits kann medizinische Praxis bei bester Evidenz schlechte klinische Medizin sein, wenn sie in uneinfühlsamer Weise an den Patientenbedürfnissen vorbei praktiziert wird. "Evidence Based Medicine" fördert weder Kochbuchmedizin, noch stellt sie den Anspruch, die medizinische Praxis zu revolutionieren. Sie stellt jedoch die vorhandene wissenschaftliche Evidenz auf eine neue Basis, die in der individuellen Entscheidungsfindung hilfreich sein soll. Der vermehrte Einbezug evaluativer Wissenschaften wie der klinischen Epidemiologie wird die Kunst der medizinischen Praxis, nämlich die Fähigkeit der angepassten individuellen Entscheidungsfindung bei klinisch unausreichender Evidenz, unterstreichen und sie nicht eliminieren (37).
Als klinisch tätige Ärzte sind wir in einem gesundheitspolitischen Umfeld, das zu Recht Fragen zur Effizienz und Kosten ärztlichen Handelns aufwirft, gefordert, unser Handeln an rationalen Kriterien zu messen und zu dokumentieren. Wir sind gut beraten, diese Herausforderung in unserem eigenen Interesse und demjenigen unserer Patienten/innen wahrzunehmen. Hierzu bieten die Methoden der klinischen Epidemiologie, auf welche sich "Evidence Based Medicine" stützt eine ausgezeichnete Möglichkeit. "Evidence Based Medicine" kann die Rationalität unseres klinischen Handelns herausfordern. Sie gibt dem Generalisten neue Möglichkeiten zu einer beruflichen Praxis, die intellektuell stimuliert und auch mehr Spass macht.